The Evil Within – Endlich wieder guter Horror von Shinji Mikami?

16. Oktober 2014 um 17:55 Uhr

Das Genre der Horror-Spiele hat in den letzten Jahren gelitten. Viele Spiele versuchten sich daran, den Spielern das Fürchten zu lehren, aber vor allem die großen Entwicklerstudios verwechselten dabei viel zu oft Horror mit Splatter oder der bloßen Verwendung von Jumpscares. Mit der Rückkehr von Shinji Mikami soll dieses Missverständnis jetzt aber beseitigt werden und die ersten Trailer versprachen viel, aber kann das fertige Spiel diese Erwartung erfüllen?

Kannst du dich noch an dein letztes Spiel erinnern, bei dem du wirklich Angst hattest? Keine sprunghafte Angst, weil irgendein Gegner direkt vor deiner Nase erschien, sondern die pure Angst vor der nächsten Ecke, jeder dunklen Gasse oder jedem weiteren Schritt? Abgesehen von einigen Indie-Titeln gab es in letzter Zeit nicht viel, wovor Gamer Angst haben mussten. Die Zeiten von guten Resident Evil oder Silent Hill Teilen, wobei der neuste wohl wieder ein Genuss werden könnte, sind lange vorbei.
Inzwischen verstehen viele unter Horror Blutorgien oder plötzlich auftauchende Gegner, aber wirklich Gänsehaut bekam man schon länger nicht mehr. Als Spieler ist man aber nicht immer einfach nur abgehärtet, sondern die Spiele haben sich verändert. Die Sehnsucht vieler Gamer nach richtigem Horror möchte Shinji Mikami, der Erfinder der Resident Evil Reihe, stillen.

Story
Man schlüpft in die Haut des Detective Sebastian Castellano, welchen man in der Third-Person-Perspektive steuert. In der ersten Szene sitzt man, gerade von einem Fall kommend, in einem Polizeiwagen, welcher über Funk zu einem Tatort gerufen wird. Was über Funk noch als “ein paar Tote” bezeichnet wurde, stellt sich bei der Ankunft aber als etwas anders dar: Dutzende Polizei – und Rettungswagen stehen vor der Nervenheilanstalt Beacon. Die Türen stehen offen, als hätten die Insassen schnell die Wagen verlassen müssen oder wollen. Man betritt die Anstalt und findet sich in deinem Alptraum aus blutverschmierten Leichen wieder. Um nicht zu viel zu spoilern, soll es dann von der Story aber schon gewesen sein, aber eins lässt sich unzweifelhaft sagen. The Evil Within beginnt zwar wie der gewohnte 08/15 Brei, aber schon in der ersten Viertelstunde kommt es zum ersten überraschenden Twist.

Manchmal fragt man sich: Ab 18? Wieso? Aber bei The Evil Within ist diese Alterseinstufung mehr als gerechtfertigt.

Grafik
The Evil Within
Da The Evil Within sowohl für die “alte” Konsolengeneration, als auch für PC, XBOX One und PS4 verfügbar ist, sind grafische Abstriche vorprogrammiert. Die Licht, Wasser – und Schatteneffekte sind trotzdem sehr ansprechend und auch die Umgebungen und die Charaktere sind fast alle detailliert gezeichnet. Verschwommene Texturen und aufpoppende Polygone trüben aber das Gesamtbild.
Für viel Unmut sorgen zudem die Balken, welche horizontal das Bild beschneiden und die Begrenzung von 30 Bilder pro Sekunde, welche man aber am Computer mit wenigen Handgriffen umgehen kann. Das Spiel läuft durch diese Beschränkung zwar angenehm flüssig, aber trotzdem bleiben Frameeinbrüche nicht aus.

Steuerung, Sound & Gameplay
Kann schon nicht die Grafik überzeugen, so muss es die Steuerung, aber auch die birgt ihre Tücken: Die manchmal recht hakelige Kamera macht den Vorteil aus der Third-Person-Perspektive nicht selten zunichte und den Ausfallschritt, den der Protagonist beim Werfen von Flaschen und ähnlichen macht, sollte man immer mit einbeziehen, sonst gerät man vom geplanten Ablenkungsmanöver direkt in die Arme eines Gegners.
Die Fehler bei der Grafik machte man beim Sound zum Glück nicht. Unheimliches Klappern, Schritte in der Ferne oder Schmerzschreie, die in hohen Räumen widerhallen erzeugen beim Spieler Gänsehaut und sorgen für ständige Anspannung. Allgemein ist man ständig angespannt und wartet nur auf den nächsten Schreckmoment oder den nächsten Gegner, der einen nach dem Leben trachtet. Das Gegnerdesign ist dabei umfangreich und abwechslungsreich. Die meisten der normalen Gegner könnten in anderen Spielen als Endgegner fungieren und die Ruhelosen, welche wie Zombies agieren, sind nie wirklich tot, außer man verbrennt sie. Die dafür benötigten Fackeln oder Streichhölzer sind aber rar gesät und auch an Munition mangelt es ständig. Dieser Mangel bewirkt ständige Panik und ist schon aus früheren Resident Evil Teilen bekannt. Wie bei Mikamis früheren Spielen zerstört man auf der Suche nach Munition und anderen hilfreichen Gegenständen beispielsweise Kisten, aber egal, wie viel man findet, es scheint nie zu reichen gegen die Heerscharen an Angreifern. Des Weiteren könnten manche dieser Gegner auch direkt aus dem Resident Evil Universum stammen, aber auch Silent Hill Fans könnten Parallelen sehen. Die Krankenschwestern, bei denen man das ziemlich aufgesetzt wirkende Aufleveln durchführt, erinnern stark an die neblige Stadt. Das Aufleveln an sich wird über sammelbare Punkte, die man durch grünes Gel erhält, realisiert. Dabei kann man aber nicht nur den Charakter verbessern, sondern auch Waffen upgraden. Dies wirkt zwar aufgesetzt und absurd, aber ist zumindest in Hinblick auf die immer überlegenen Gegner bitter nötig. In den meisten Fällen helfen aber auch Waffen nicht und man muss sein Heil in der Flucht suchen. Das Fluchtsystem ist gut durchdacht, aber in engeren Passagen wird wieder die Kamera zum echten Feind. Frustmomente sind somit vorprogrammiert, aber manchmal sind die Logikfehler im Spiel auch zu Gunsten des Spielers. Wenn Gegner 20cm vom Spieler entfernt stehen, ihn aber nicht sehen, ist das zwar nicht logisch, aber zumindest ein guter Ausgleich zum sonst extrem hohen Schwierigkeitsgrad.

Fazit
Mit The Evil Within kommen Horrorfreunde voll auf ihre Kosten, auch wenn wiedereinmal auf Übernatürliches zurückgegriffen werden muss. Gelegenheitsspieler dürften von den frustrierenden Spielmomenten abgeschreckt werden, aber wer atmosphärischen Horror, mit grusliger Grundstimmung, vielen Schleichpassagen und grenzwertiger Gewaltdarstellung sucht, wird dies bei The Evil Within finden. Die nötige Resistenz gegen frustrierende Abschnitte vorausgesetzt, kann man mit dem neusten Werk von Shinji Mikami 15 bis 18 Stunden im Horrorhimmel verbringen.